Eckhard sag
in: Eckhard Kremers, Alte Meister & andere, 2001

Ja, sag ich zu Eckhard, was mir am meisten zu denken gibt, ist dieser seltsame Kerl mit seinem ebenso seltsamen Huhn, die sich gegenseitig offensichtlich nichts zu sagen haben, jedenfalls hat das Huhn sich abgewandt, während er mit hängenden Augenlidern frontal aus dem Bild schaut, wie er es wohl früher gewohnt war in einer offensichtlich höheren Stellung. Die Mütze, die Orden, der Anzug, sie lassen vermuten, daß er einer war, der Befehle erteilte, jetzt aber, alt und etwas trottelig geworden, seiner früheren Befehlsgewalt nachsinnt.

Ich wühle immer wieder in Erinnerungen, sagt Eckhard, auch solchen meiner Zeit in Japan, mit dem besonderen Gewicht auf der Kunstgeschichte, und ich stoße so oft auf obskure Mißverständnisse, die mich besonders inspirieren. Da steht also zum einen der Vogel, ein Kasuar, gemalt von einem Mito-Maler, in Japan einer wichtigen traditionellen Maltechnik im frühen neunzehnten Jahrhundert, und daneben steht dieser anachronistische Offizier mit Ordensspange und Schwert, dessen Gesicht sich fragmentarisch in Malerei auflöst. Ja, sage ich, er sieht aus, als irre er durch die Ruinen seiner vermeintlichen Bedeutung und verschwindet bald in den Falten seiner eigenen Legende. Ja, sagt Eckhard, seine weiße Uniform läßt ihn als Admiral erkennen, seine Identität ist aber nicht bekannt, ich habe ihn gemalt nach einem Bild des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, das ich im Museum gefunden habe, ein typisches Bild aus einer Zeit vorherrschenden Nationalismus.

Die Idee, sagt Eckhard, kam mir bei einem Volksfest in Japan, bei dem Kriegsveteranen in alten Uniformen in Mengen auftraten, denn das Verhältnis der Japaner zu ihrem Militär ist ein anderes als bei uns. Die Japaner halten ihre Soldaten immer noch für Helden, die ohne jeden dunklen Fleck aus den Kämpfen hervorgegangen sind, in der Beziehung sind die Japaner noch auf dem Weg aus der Vergangenheit bestenfalls in die Gegenwart. Der Kasuar, sagt Eckhard, der ungleich liebenswertere Partner des Admirals, der ist ein großer Laufvogel, der vollkommen flugunfähig ist. Als ausschließlicher Waldbewohner lebt er in Neuguinea (als größtes Landtier dort, kann er bis zu 1,7 Meter groß werden) und auf der York-Halbinsel in Australien. Das mit den 1,7 Metern Größe kann ich mir nicht recht vorstellen, wenn ich mir den von Dir gemalten Vogel betrachte, sage ich. Wenn ich ihn genau betrachte, dann muß ich Dir das zugeben, sagt Eckhard, da hab ich ihn wahrscheinlich etwas falsch gemalt. Auf eine Besonderheit des Kasuar solltest Du achten: Er trägt einen helmartigen, mit Horngewebe überzogenen Auswuchs auf dem Kopf, dessen Funktion noch rätselhaft ist, aber eine mögliche Funktion könnte in der Anzeige des Ranges liegen, oder anders gesagt, die Größe des Helms spiegelt den sozialen Status wieder, wie wir das ja in vielfältiger Ausprägung nicht nur bei Kasuaren kennen. Kunst, sagt Eckhard, entsteht oft auch aus einen Deja-vu-Erlebnis, Du siehst etwas und bist Dir sicher, Du hast das, was Du gerade siehst, in gleicher Weise und genau so in allen Einzelheiten schon einmal gesehen. Nimm zum Exempel meine italienische Serie: Im Museum sehe ich das Bild einer Frau, die in einer ganz bestimmten, gebückten Haltung irgendeine Flüssigkeit aus einem Gefäß in eine vor ihr stehende Schale gießt; ich verlasse das Museum und sehe auf der Straße eine Frau, die in derselben ganz bestimmten und gebückten Haltung irgendeine Flüssigkeit aus einem Gefäß in eine Schale gießt, so als sei sie dieselbe Person, die ich gerade erst auf dem Bild im Museum gesehen habe, wie sie auf diese ganz besondere Weise Flüssigkeit aus einem Gefäß in eine vor ihr stehende Schale schüttet. Ich gehe heim und es verfolgt mich immer wieder dieses Bild der Frau mit dem Gefäß und der Schale oder Schüssel, immer wieder das Gefäß, aus dem sich Wasser in eine Schale ergießt. Tja, sagt er, so sind viele meiner italienischen Bilder aus diesem Deja-vu-Erlebnis entstanden. So ähnlich begann das auch mit den Bouquets, damals 2009, sagt er. 2009 war das, als ich mein Atelier aufräumen wollte. Restpapiere, Packpapiere wurden für den Müll gestapelt und zusammen gebunden, zusammen geschnürt, hingelegt, und dann schau ich hin, und sehe da etwas Körperhaftes mit einer zusammengeschnürten ausgeprägten Taille, etwas wie einen weiblichen Torso, kleid- oder rockartig, wie es in meinen Bildern immer wieder vorkommt. Der Blick ist nach Jahren der Figuration und Kleidermalerei schon auf so etwas eingestellt, auch im Alltag sehe ich solche Dinge immer wieder, auch in der Natur. Da liegt also dieses Papierbündel mit geschnürter Taille. Ich stelle es senkrecht, arrangiere hie und da und es sieht schon wie ein Bouquet, wie ein Strauß aus, es sieht Bekanntem ähnlich und hat zugleich einen hohen Grad der Abstraktion. Wenn man das Ding von unten nach oben betrachtet, hat es einen kurzen, erweiterten Fuß und darüber die geschnürte Taille, über der sich dann wulstige Petale nach oben recken. Man kann das Objekt auch umdrehen und es wird zum weiblichen Torso mit geschnürter Taille. Oder nimm zum Beispiel meine Beinbilder. Immer wieder fand ich in den italienischen Kirchen und Museen die beiden orientalischen Heiligen Kosmas und Damian, Zwillinge nach der Legende, dargestellt in den meisten Fällen als junge Männer, in vornehme Gewänder gekleidet, oft mit Pelzbesatz, wie sie ihrem Geschäft als Feldscher , als Chirurgen, wie man heute sagen würde, oder als Wundärzte nachgingen. Insbesondere in der Kirche Ss. Cosmo e Damiano beim Forum Romanum in Rom, oder auch im Museo San Marco, ja sogar im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart, und ihre Reliquien werden in vielen Kirchen aufbewahrt und verehrt, auch in vielen Kirchen in Deutschland: in Hildesheim,in Essen, in Bremen, in München und unglaublicherweise auch in Prüm in der Eifel (dort soll sich sogar ein Haupt befinden); auch in Westheim, so hab ichs vor kurzem im unserem Heimatblatte gelesen, gibt es eine Kirche, nach Cosmas und Damian benannt.

Diese beiden Beinschneider aus dem fünften Jahrhundert, die man, wenn man gläubig ist, zum Beispiel gegen Geschwüre anrufen kann und die die Schutzpatrone der Ärzte, vor allem der Chirurgen sind, werden immer wieder, wie ich schon sagte sogar im Landesmuseum in Stuttgart, mit ihrer wundersamen Verpflanzung des Beins eines Schwarzen an das amputierte Bein eines Weißen dargestellt, der ein Kirchenmann war oder ein Kreuzritter, jedenfalls ein frommer Mann, der nach der Operation mit dem schwarzen Bein laufen konnte wie zuvor mit dem verlorenen eignen. Eine ungeheuerliche Geschichte, sagt er, wenn man sie bedenkt, ekelhaft und wohl deswegen so beliebt, weil der Mensch oft dazu neigt, sich gerade die Dinge vorzustellen und sie abzubilden, vor denen ihm ekelt, wobei aber zur Erbauung und zur Erquickung der Frommen das Eklige einen Wohlgeruch haben muß, wie der sel. Bartolus, der zwanzig Jahre lang lag, vom Aussatz befallen, auf seinem Schmerzenslager, die Finger fielen ihm ab, die Würmer nagten an seinem Fleich, aber die Besucher, die in Scharen zu ihm kamen, saßen neben ihm ohne allen Ekel und Abscheu, aßen mit ihm an seinem Tische und bemerkten nicht den mindesten Gestank, vielmehr den lieblichsten Wohlgeruch. So auch diese beiden, sagt Eckhard, die immer wieder gemalt wurden bei der genannten Verrichtung, nur weil der Geruch des Frommen und des Wundersamen von ihnen ausging. Man muß sich doch, und nicht nur in diesem Falle, fragen, wie man für so eine Ekelhaftigkeit, ja Ungeheuerlichkeit heilig gesprochen werden kann, auch wenn man ansonsten ein heiligmäßiges Leben geführt, von den ärztlich Versorgten keine Bezahlung verlangt und nach vorgeblich argem Martyrium und Kerkerhaft enthauptet wurde, wie es von unseren beiden Protagonisten überliefert ist. Auch muß dringend gefragt werden, wo dieser arme Schwarze herkam, den man da regelrecht auschlachtete, und was er von der Verpflanzung seines gesunden Beins an den Stummel eines Beines eines Weißen dachte, den er noch nicht einmal kannte; interessant wäre auch zu erfahren, was mit ihm danach geschah, nachdem man ihm sein Bein weggenommen hatte, das zu wissen wäre mir durchaus wichtig, sagt Eckhard, und es wäre für mich durchaus auch interessant zu erfahren, wie sich der geflickte Gottesmann gefühlt hat mit seinem neuen Bein, ob er es als sein eigenes ansehen konnte, oder ob es ihm fremd blieb und er es sogar wieder los haben wollte, wie ich es neulich von einem las, dem man eine fremde Hand amputierte, die er jetzt nicht mehr haben will, und es gibt jetzt keinen, der sie ihm wieder abnimmt.

Die beiden Beine, das weiße und das schwarze nebeneinander, die faszinieren mich ungemein und ich zeichne sie daher sehr oft, vom Schritt abwärts, weil das fremde Bein ja zwischen Schritt und Knie angefügt wurde, also ohne den in diesem Zusammenhang unwichtigen Oberkörper, wie ich den Heiligen Franziskus in Assisi sah, wie er dem Tapir predigt ohne Oberkörper, weil ihm durch Beschädigung derselbe abhanden gekommen ist. Es sind aber natürlich nicht die Beine des Heiligen Franziskus, die ich gezeichnet habe, von dem man die Beine ja auch gar nicht sieht, sondern nur den unteren Teil seiner Soutane und die Füße, es sind die Beine dieses geflickten Kirchendieners oder Ritters, um die es hier geht; und dieses behaarte weiße Bein sieht geradezu pornografisch aus, finde ich, neben dem angenähten glatten, unbehaarten schwarzen, auch wenn das weiße, jedenfalls soweit ich es gezeichnet habe, seine Haare so nach und nach mit der Zeit verlieren wird durch Benutzung, weil die Haare ja eigentlich nur Haare zu sein scheinen, aber in Wirklichkeit nur Papierabrieb sind, Papierwürstchen sozusagen, wenn auch von mir stark fixiert, so daß sie eine gewisse Zeit sicher einem schonenden Gebrauch stand halten werden.

Bei mir sehe ich zunehmend eine Hinrichtung zur Kunstgeschichte, sagt Eckhard, man sozusagen bei mir vermehrt in einer gewissen Weise eine Fortsetzung der Tradition feststellen, indem man ohne Zweifel viele ästhetische Anregungen an den verschiedenen Stellen wahrnehmen kann, wenn man meine Bilder daraufhin betrachtet. Nimm zum Beispiel meine Kleiderbilder. Im Württembergischen Landesmuseum sind die Röcke von Königen dieses Landes auf eine Art dargestellt, wie ich sie auf den besagten Bildern gemalt habe. Sie umhüllen eine Schneiderbüste, die auf einer Stange befestigt ist, so stehen sie da herum, einfach nur Röcke auf Stangen. Das hat mir sehr gefallen.

Auch der blutige Nadelstreifen, den mein Vater bei einem Unfall trug und der nach seinem Unfall für die Versicherung bis zur Regelung des Schadens aufbewahrt werden mußte jahrelang und mit großen ganz eingetrockneten Blutflecken, die man nicht entfernen durfte, hat sich mir ganz stark eingeprägt. Jim Dine hat Bademäntel gemalt und die Japaner der tagasode-Stellschirme haben als einziges Motiv prachtvoll gemusterte und über Gestelle gehängte Kimono dargestellt; es gibt immer einen, der schon gemacht hat, was man gerade macht, sagt Eckhard, es gibt eben nichts, was nicht schon irgendwo von irgendeinem gemacht worden ist. Sie sind ursprünglich nach alten Meistern gemalt, meine Kleiderbilder, sagt Eckhard, zum Beispiel nach Tizian; auch einen Pyjama für Henry Matisse gibt es.

Du kennst doch diese Geschichte des Oliver Sacks, der berichtet, daß ihm das Bein fortging, obwohl es für alle anderen ersichtlich noch da war, er selbst aber, dem das Bein fortgegangen war, sich ganz sicher war, daß es nicht mehr da war. „Es war mir ganz und gar fremd, es gehörte nicht mir. … ohne den Hauch eines Erkennens sah ich es an,“ schreibt er in „Der Tag, an dem mein Bein fortging. Und so war es umgekehrt mit meinem Freund Akira Ueda, der an dieser schrecklichen Alzheimerkrankheit litt, von Tag zu Tag weniger Erinnerung hatte, bis er, so schien es, alles vollständig vergessen hatte und nichts und Niemanden mehr erkannte und dasaß in seiner Galerie und vor sich hinstarrte und immer seine linke Hand auf seinem linken Knie liegen hatte, die er mit der rechten Hand festhielt, als wolle er verhindern, daß sie ihm auch noch abhanden kam, als sei diese Hand das letzte Vetraute, das ihm geblieben war, das es deswegen unter allen Umständen festzuhalten galt; deswegen hielt er sie vielleicht so fest, daß sie nicht anarchisch werden konnte und nichts tat, was er nicht wollte, zum Beispiel auch nicht der Vergessenheit anheimfiel.

Einfach ist es nicht, so Eckhard,das Vergessen zu zeichnen oder zu formen, weil man Gedanken ja nicht sehen kann und damit auch nicht ihr Verschwinden, das ist sogar ein ganz harter Brocken, wenn nicht gar ein vollkommen unlösbares Vorhaben. Ich habe es aber desto trotz versucht, und die schwindenden Erinnerungen wie Planetenbahnen um den Kopf Uedas, der mein Freund war, bis er mich vergessen hatte, kreisen lassen, bis sie ihn gänzlich zudeckten und nur noch die Hand unbeeindruckt erkennbar blieb, die die andere festhielt. So auch bei den Köpfen, die Physiognomien lösen sich auf, das Individuelle kommt ihnen nach und nach abhanden, soweit, daß man ihnen nicht mehr ins Gesicht sehen kann, nicht mehr in die Augen, in denen die Seele wohnt, die sich aber nun offensichtlich endgültig von ihnen gelöst hat.