Der Weg ins Tal führt immer über den Berg, in: Harry Meyer, Neue Arbeiten, Augsburg, 2008

 

Der Weg ins Tal führt immer über den Berg Man muß über den Berg gehen, wenn man ins Tal gelangen will, wie man auch in den Wald nur über den Berg gehen sollte. Dies ist wichtig, weil der Blick ins Tal erst durch die Mühe des Anstiegs ein erhabener wird, weil die Ansicht des Tales vom Berg herab die erstrebte Belohnung ist für die Anstrengung des Aufstiegs, der hinter einem liegt. Nur wenn man über den Berg kommt, kann man, vor dem Abstieg ruhig verweilend, das Tal, das nun vor einem liegt, in seiner Ganzheit richtig erfassen, während man später, dann, wenn man den Abstieg hinter sich hat, sich mit seinen Besonderheiten beschäftigen kann.

Ein Tal muß man sich immer wieder neu erobern und das geht nur, wenn man über den Berg kommt. Dabei kann es durchaus empfehlenswert sein, daß man sich auf die Förster einläßt, die, wie auch die Bauern, einem, wie man sich ohne weiteres denken kann, hinderlich sein können, weil sie sich verständlicherweise um die Unversehrtheit ihrer Schonungen sorgen, oder die Beschädigung ihrer Zäune befürchten, wenn man sich aber in angemessener Form auf sie einläßt, können sie in der Folge einem Vorhaben, wie zum Beispiel dem Malen eines Tales von einem erhabenen Platze aus, sogar hilfreich sein mit eventuell erforderlichen Erlaubnissen oder sogar mit Ratschlägen eine solche Sache befördern, die, wie schon geschehen, zu ganz neuen Einsichten führen. Jedes Tal muß man sich, insbesondere wenn man es malen will, mit viel Geduld erobern, es sich sozusagen zu eigen machen, bis es einem im Schlaf erscheint und man es gewissermaßen auswendig kennt. Dann wird auch der Betrachter eines Bildes, das von einem so verinnerlichten Tal gemalt wurde, den Duft der Wiese, von der aus es geschaffen wurde, riechen und den Eichelhäher hören, der mit aufgeregten Schreien in den Wald flüchtet, als wolle er die ganze Welt vor dem harmlosen Maler warnen.

Wenn man den Berg herabsteigt, beginnt gleich nach dem Unterholz, das sich an beinah jedem Waldrand findet, je nachdem sich recht breit macht oder auch nur wie eine Hecke den Wald umschließt, das Tal, das sich mit Äckern, Wiesen und je nach Gegebenheit auch mit Brachen, auf denen wie ausgestreut vereinzelt Wacholderbüsche stehen, weit nach hinten zieht. Und am Ende des Tals findet man, wenn man sich geschickt anstellt, nach dem Durchqueren eines kleinen Wäldchens, am Rande eines Waldes von ersichtlich größerer Ausdehnung dahinter, ein Gehöft, mit vielen kleinen, unübersichtlichen Gebäuden, die, teils aus Stein, teils aus Holz errichtet, um ein deutlich größeres Bauwerk angeordnet sind, in dem wohl der Bauer mit seiner Familie lebt, während in den anderen, weniger bedeutenden Gebäuden die alten Knechte und Mägde wohnen, die für die schweren Arbeiten nicht mehr taugen, aber dank der Fürsorge des Bauern, die hier noch herkömmlich ist, bis zu ihrem Ableben ihr Auskommen haben.

Linker Hand von dieser seltsamen Bauernschaft verläuft ein schmaler Weg, der einen tief in den rückwärtigen Wald hinein führt, bis einem ein eiszeitlicher Flußlauf den Weg versperrt, der, Millionen Jahre alt, früher offensichtlich ein beachtlicher Strom und, und hier, von den Veränderungen in seiner Umgebung völlig unberührt, für ein kurzes Stück noch erhalten ist, mit vom Wasser, das früher über Jahrtausende geflossen sein muß, rund und glatt geschliffenen Steinen. Diese Steine muß man sich aber, um eine rechte Vorstellung von dieser verwunderlichen Situation zu bekommen, als vom Wasser geformte und geglättete Felsbrocken von beachtlicher Größe vorstellen, die mal eng aneinander gelehnt, mal in größeren Abstand voneinander, wie Findlinge sich aneinanderreihen, so wohlproportioniert und in ihrer strengen Gestalt eindrucksvoll rhythmisiert, als seien sie von Künstlerhand geschaffen. Trotz ihres Moosbewuchses und der Feuchtigkeit, die im Waldschatten immer vorhanden ist und das Begehen recht gefährlich gestaltet, ist es einem geschickten Menschen durchaus möglich, von Felsbrocken zu Felsbrocken springend, gelegentlich auch hinab gleitend und wieder hinauf kletternd, das Flußbett von seinem Beginn bis zum Ende ganz zu durchmessen.

Von dem Einen oder dem Anderen wurde die Durchquerung des wie ein Steingarten erhaltenen Flusses sogar in dunkelster Nacht bewältigt, was, ohne daß dies gesagt werden muß, ganz besondere Geschicklichkeit und Mut erfordert, ja gar einen besonderen Sinn, weil man sich, ganz auf diesen besonderen Sinn und das Gehör verlassend, in der Regel ohne etwas zu sehen, von Stein zu Stein springend und kletternd vom ersten bis zum letzten durchkämpfen muß, wobei man tunlichst jeden Fehler vermeiden muß, weil er unweigerlich zu erheblichen Verletzungen führen wird. Eine solche Leistung soll angeblich zwei jungen Männern gelungen sein, die damit ohne Zweifel bewiesen haben, daß es neben den bekannten Sinnen noch einen weiteren Sinn geben muß, den wir, mangels einer anderen Bezeichnung, den Sechsten nennen wollen, der einem sozusagen das Sehen ersetzt, wenn beinah vollkommene Dunkelheit herrscht. Diesen besonderen Sinn muß es wohl geben, weil nur mit einer solchen Befähigung eine Leistung, wie die geschilderte, vollbracht werden kann.

Wenn ich es recht bedenke, könnte es möglicherweise wünschenswert sein, in einem solchen Tal, gar in einem so urzeitlichen Flußtal, eine gewisse Zeit unter freiem Himmel zu schlafen, nicht, wie manch einer es im Urlaub zu tun pflegt, im Zelt, sondern bei jeder Witterung ohne eine so geartete Bequemlichkeit, wenn auch hin und wieder bei Freunden oder hilfreichen Unbekannten unterkommend, sonst aber im Freien sich zum Schlafen niederlegend, unter einem Baum oder einer Hecke vielleicht, von denen man sich einen gewissen Schutz erwartet, wenn man umständehalber für eine gewisse Zeit ohne Wohnung auskommen muß. Eigenartig und bemerkenswert ist es, wie das Schlafen im Freien die Instinkte weckt, wie vieldeutig und oft bedrohlich das Rauschen des Waldes ist, und wie die geringste Abweichung das Herz schnell schlagen läßt. Man wird notgedrungen lernen, mit den Ohren zu sehen, um sich in der Dunkelheit zurecht finden zu können, was einen dann in der Folge dazu befähigt, in der Dunkelheit der Nacht im Wald ein Bild vom Wald zu malen, wie es von einem bekannten Maler überliefert ist, der dieser Fertigkeit erstaunlicher Weise mächtig war. Es ist auch bekannt, daß dieser besagte Maler Bilder im strömenden Regen erschuf, weil er wußte, daß man Teil der Naturgewalt sein muß, wenn man ein Unwetter wahrhaftig malen will, den Wind und den Regen im Gesicht und am ganzen Körper spüren und die Nässe der Erde riechen muß. Es wird jedem auch sofort einsichtig sein, daß es einen Unterschied macht, ein Bild zu malen, indem man sich so der Gewalt der Natur aussetzt, daß man Teil von ihr wird, oder ob man bequem durchs Fenster blickend sozusagen ein Abbild des Unwetters in aller Ruhe und Bequemlichkeit erschafft.

Einem solchen Maler, der den Wald nächtens im Wald und das Gewitter im strömenden Regen, während der Wind an ihm zerrt, malen kann, wird man nach allgemeiner Überzeugung auch zutrauen, daß er einen Wald malen kann, in dem man den Kauz heulen, oder ein wie auch immer geartetes Naturereignis, in dem man den Wind pfeifen hört, geschützt in dem großen geheizten Haus aus Backsteinen, in das er sich neuerdings zurückgezogen hat. Man sagt, er habe einen starken Widerwillen entwickelt, auf all die Dinge angesprochen zu werden, von denen hier die Rede war. Insbesondere ist er der Ansicht, daß das Finden eines Tales, wie es hier geschildert wurde, einem in solch mystischen Dingen nicht Bewanderten überfordern, ja, ihm sogar schädlich sein könnte. Falls Sie aber zu denjenigen gehören, die Täler der geschilderten Art entdeckt haben, behalten Sie es am besten für sich als ihr Geheimnis.