Die Regentinnen des Oudemannenhuis zu Haarlem erwarten den bekannten Maler Frans Hals
in: Hals, Martin Paulus & Willi Weiner,Issing, 2010

Am diesem Morgen lastet eine ungeheuerliche Stille über der Stadt Haarlem. Kein Laut ist zu hören, die Welt ist im Schrecken erstarrt. Den Wind sieht man, weil das Laub sich bewegt, aber das Rauschen hört man nicht, nicht das Knacken des Astwerks, nicht die durchdringenden Schreie der Möwen, nicht das ständige Klopfen der Spechte, nicht ihre schmatzenden Rufe. Nichts ist zu hören, als habe es das alles nie gegeben. Auch das Geklapper der Pferdehufe und das Rollen der Kutschenräder ist nicht zu vernehmen. Die Welt ist in Stille erstarrt.

Es ist dies der Morgen nach dem Unwetter, das so schrecklich und gewaltig war, daß sich keine der Vorsteherinnen des Altmännerhauses und nicht die Angehörigen und nicht die anderen, mit denen sie gesprochen haben, an etwas Vergleichbares erinnern konnte. Der Sturm hatte das letzte Gericht vorweg genommen, Donner und Blitz hatten nicht eine Sekunde ausgesetzt, unaufhörlich war der Donner von allen Seiten und nach allen Seiten über den Himmel gerollt, immer wieder erschien es, als stürze er in kurzen Folgen vom Himmel herab, daß die Häuser erbebten in ihren Grundfesten und die Menschen zu Tode erschraken. Die Blitze waren ohne Zahl hernieder gefahren, und aus den Wolken ergossen sich Wasser, wie in der Bibel geschrieben, zur Zeit der Großen Flut. Es ist auch der Morgen, für den sich der bekannte Meister Frans Hals den Vorsteherinnen des Oudemannenhuis zu Haarlem angekündigt hat, um mit ihnen über das Bild zu sprechen, das an ihn in Auftrag gegeben werden soll. Die Vorsitzende hat sie alle dringlich ersucht her zu kommen, jedoch vor zehn Uhr des Vormittags, weil der Meister selbst zu der Zeit sich angesagt hat. Die Vorsteherinnen folgten ohne Ausnahme der Bitte der Vorsitzenden, so waren sie ungewohnt früh am Tage unterwegs durch das dämmerige Haarlem, in dem infolge der nächtlichen Ereignisse wenige auf den Straßen waren. An manchen Stellen ging es auch recht beschwerlich voran, lag doch viel Laub und herab geworfene Äste auf den Wegen, so daß ein schweres Durchkommen war. Das knöcheltief stehende Wasser durchnäßte zudem das Schuhwerk. Als Erste ist die Vorsitzende angekommen, wie es der Brauch und die Sitte ist. Die Hausmutter, die im Hospize wohnt, hat sie eingelassen und ihr gleich berichtet, daß das Dach in der Nacht Schaden genommen hat und daß auch durch die Fenster reichlich Wasser ins Haus eingedrungen ist. Die alten Männer seien nachts sehr unruhig und kaum zu halten gewesen, was man verstehen könne angesichts der Naturgewalten, die auch ihr durchaus Angst gemacht haben. Jetzt seien sie aber wieder ruhig. Es folgt nach der Vorsitzenden die Sekretärin, deren Gesicht über die Jahre streng und hart geworden ist. Nach und nach kommen auch die anderen in unregelmäßigen, aber nicht unschicklichen Abständen: als Nächste die stellvertretende Vorsitzende und zuletzt die Schatzmeisterin. Sie berichten von dem vielen Laub und den heruntergefallenen Ästen, die sie auf den Wegen vorgefunden haben, und von den Zerstörungen, die das Unwetter an manch einem Haus verursacht hat.

– In der Jansstraat liegen Äste und zerbrochenes Ziegelwerk in großer Zahl, sagt die Sekretärin, und auf dem Grote Markt, auf dem man um diese Zeit an anderen Tagen doch schon viele Menschen treffen kann, ist heute kaum jemand zu sehen gewesen. Auch dort sind viele zerbrochene Dachziegel und Mauerreste auf das Pflaster heruntergefallen, wohl vom Dach der Grote Kerk, sagt sie.
– Und in der Bakenesser Gracht nahe de Leystarre, der Brauerei, sagt die Schatzmeisterin, liegt ein großer Baum quer über der Gracht.
– Auch in der Koningstraat ist manches arg verwüstet, die Sekretärin, die von da her gekommen ist.
– Der Meister wird wohl nicht zu Fuß kommen können, sagt die Hausmutter, was man sich im normalen Falle durchaus vorstellen kann, wohnt er ja nicht weit entfernt an der Gedempte Oude Gracht, da ist man ja, so man gut ausschreitet, ganz schnell hier im Oudemannenhuis.
– Mit dem Boot oder der Kutsche, vermutet die Vorsitzende der Vorsteherinnen, wird er unter den Umständen wohl auch nicht kommen können. Er wird sich mit der Sänfte tragen lassen. Er ist ja sehr alt, einundachtzig Jahre sagt man, ein wahrlich biblisches Alter. Um ein Vieles älter als all die alten Männer, für die wir uns sorgen müssen.

So redend sind sie in den Sitzungsraum der Vorsteherinnen gelangt und haben sich an den Tisch gesetzt, hinter dem seit Gedenken das Gemälde des Barmherzigen Samariters an der Wand aufgehängt ist.
– Zwar ist es Tradition und Gewohnheit, sagt die Vorsitzende, Bilder der jeweiligen Vorsteher oder Vorsteherinnen in Auftrag zu geben, doch ist das auch heutzutage beileibe keine alltägliche Sache, sondern durchaus als Besonderheit zu betrachten. Darum ist es angebracht, die Sache zu bereden und gemeinsam zu bedenken, sagt die Vorsitzende.
– Wenn ich zu allererst etwas sagen darf, sagt die Schatzmeisterin, ich bin doch gar erstaunt, daß man den Alten Meister Hals beauftragen will. Er ist uralt, wie richtig gesagt, dies in Richtung der Vorsitzenden, glaubt man denn, daß er in seinem Alter noch in der Lage ist, recht kunstfertig zu arbeiten, wie man es erwartet und wie man es erwarten darf.
– Er ist ein alter Mann, sagt die Vorsitzende, das ist wohl wahr, aber, daß die Stadt dem Meister Hals eine Rente ausgesetzt hat und ihn auch in besonderen Fällen immer Hilfe angedeihen läßt, zeigt, daß man ihn hoch schätzet und daß er immer noch hoch angesehen ist. Es werden die von ihm geschaffenen, vergleichbaren Werke ohne Einschränkung hoch gelobet, auch das Bild der Vorsteher des Oudemannenhuis, das ja bald fertig sein soll, soll sehr zur Zufriedenheit der Herren ausgefallen sein und bei allen, denen es bis jetzt zur Ansicht gelangt ist. So habe ich es gehört. Man kennt allgemein sein Bild der Sint Joris-Schützengilde und das Bild der Offiziere der Cluveniers-Schützengilde und andere, die er gemalt hat. Über die spricht man allgemein gut.
– Das aber sind doch sehr angeregte Bilder, wo fröhliches Feiern oder geselliges Treffen zum Anlaß genommen ist, die Sekretärin. Ein Bild dieser Art würde für uns nicht taugen. Das wäre ganz und gar nicht nach meinem Gusto. Vielmehr würde ich eine große Ernsthaftigkeit für passend erachten. Ich gebe zu bedenken, daß bei der Ausübung unserer Pflichten, trotz der Barmherzigkeit und christlicher Nächstenliebe, durchaus eine gewisse Strenge vonnöten ist. – Nun die stellvertretende Vorsitzende: Ich stimme Dir da zu, meine Verehrte, wir sollten nicht nur unseren Wunsch nach großer Ernsthaftigkeit vorbringen, auch unter uns, sie hob den Finger, sollten wir uns einig sein, darauf Acht zu haben, daß die Kleidung einfach ist. Schwarze Gewänder, dazu die bekannten weißen Hauben und die linnenen weißen Kragen, das wäre meine Vorschlag, das fände ich dem Anlaß angemessen. – Jede Art zu prunken, die Vorsitzende, würde auch ich nicht für recht halten. Das vertrüge sich nicht mit unserem Amt und es würde auch eine falsche Vorstellung entstehen lassen.
– Daß unser Handeln von unbeirrbarer Rechtschaffenheit geleitet ist, das muß ein solches Bild aufzeigen, Rechtschaffenheit und Barmherzigkeit, wie man es zu recht von uns erwartet, die Sekretärin, und sie unterstreicht ihre Rede mit einer Bewegung ihrer knochigen Hand, und die Wangen in ihrem mageren Gesicht wirken noch stärker eingefallen als sonst. Rechtschaffenheit und Barmherzigkeit, wiederholt sie. Es muß allen klar sein, daß das für uns ein ernstes Anliegen ist.
– Die Vorsitzende: Ich betrachte es für richtig, ja ich denke, daß es selbstverständlich ist, auch die Hausmutter mit uns malen zu lassen, sie ist diejenige, die den harten Teil unserer frommen Arbeit macht und immer getreulich dafür Sorge trägt, daß unsere Anliegen erledigt werden. Das ist nicht leicht mit den Alten, sagt sie, die wissen ja oft nicht mehr, wer sie und wo sie sind. Man muß in jeder Minute hinter ihnen her sein, damit sie keinen Schaden anrichten und keinen erleiden, sind sie doch häufig sehr störrisch, beschweren sich grundlos, und wie oft werden sie nicht auch noch gewalttätig. Dazu äußert sich keine der Anderen. So soll es dann geschehen, sagt die Vorsitzende. Die Glocke an der Pforte läutet. Das muß er sein, öffne Sie dem Meister Hals, sagt die Vorsitzende zur Innenmutter (wie man sie auch nennt), welche sich schicklich bei der Besprechung im Hintergrund gehalten hat.